Sir Peter Urgroßvater, den man auch den „Tollen Quast“ nannte, hatte als junger Leutnant einmal einen Zug mit vorgezogener Dienstwaffe beschlagnahmt um von Berlin nach Bremen zu fahren, weil er sonst zu spät zum Dienst gekommen wäre. Was wohl passieren würde wenn Sir Peter einen ICE mit vorgezogener Waffe unter seine Gewalt bringt?
Verdient hätte es die Deutsche Bahn mehrmals täglich. An diesem Punkt möchte Sir Peter sich über all die Demütigungen eines Erwachsenen Menschen im Zug auslassen.Von stinkenden Füßen der gegenübersitzenden, die es nicht unterlassen können ihre Schuhe auszuziehen. So mit allem drum und dran, inklusive Loch in der Socke am großen Onkel a la Wolfowitz. In der Regel gerät Sir Peter in eine Reisegruppe die so ausgerüstet ist als ob das Abteil, das letzte Basislager vor der Everest Besteigung wäre. Dann fangen sie an aus ihren Jackwolfskin Rucksäcken kiloweise Lebensmittel herauszukramen. Da sitzen sie dann in ihrer überteuerten Expeditionskleidung, bestehend aus Vliespullis, roten oder gelben Windjacken und verzehren haufenweise Pumpernickel Stullen – Getränke gibt es aus roten Chrom Campingflaschen. Er blickt ängstlich auf die Reservierungsschilder und natürlich fahren sie die gleiche Strecke.
Der versuch sich auf sein Buch zu konzentrieren, scheitert am Austausch des zweiten Gang von Lebensmittel mit dem Nachbartisch. Warum können diese Menschen nicht einmal für eine zwei Stunden Fahrt still halten? Machen die das sonst auch so im Alttag? Dann geht’s richtig los: Das große Handyloch hinter Berlin treibt drei Erwachsene Menschen neben ihm in den Wahnsinn und er lässt sich davon anstecken. Den Platz wechseln? Aber er hat doch reserviert. Außerdem ist der Zug Erbarmungslos Überfüllt. Er wundert sich, dass in einem Land, das für alles detaillierte, minimalistische Bestimmungen hat, so etwas als Legal durchgeht, während sein Sitznachbar in sein Harzerkäse Brot beißt.
In Lutherstadt Wittenberg steigt dann eine Omi mit Kopftuch, alt vergilbten Mantel und überdimensionalen Reisekoffer zu. Sie schleift den Koffer verzweifelt durch den Gang auf der Suche nach einem Platz. Sir Peter blickt aus dem Fenster oder schließt einfach die Augen. Ja so ist er. Von seiner Erziehung her sollte er ihr seinen Platz anbieten oder ihr wenigstens helfen einen Platz zu finden. Da er aber für weniger Geld Gott was weiß ich wo hin fliegen kann und die Fluggesellschaften es ja auch gebacken bekommen jedem einen Sitz anzubieten, verweigert er sich davor den Heiligen Sankt Martin der Deutschen Bahn zu spielen. Dem entsprechend ist seineAntwort Resignation. Und die setzt sich aus jahrelangen schlechten Erfahrungen mit DB zusammen. Sobald Sir Petr das Logo irgendwo erblickt, denkt er an ca. 4 Stunden durchhalten und verfällt automatisch in eine innere Starre. Als er einmal Sylvester zu seinem Bruder wollte, kam der Zug am Hauptbahnhof zwei Stunden zu spät. Man hatte unterwegs irgendein Problem und musste die hälfte der Wagons abhängen. Ich spreche hier vom 31.12. Die Fahrt hätte eigentlich in das Guinness Buch der Rekorde eingehen müssen für wie viele Menschen in einen halben Zug passen. Für 94 Euro verbrachte er die Fahrt wie ein Bausstein von Tetris. Es versteht sich von alleine, dass er nicht zwischen den süßen Mädchen eingekeilt war, die er vorher noch am Bahnsteig gesehen hat, sondern entweder ist es die Pumpernickel Fraktion oder jene, die sich einem Platz im Ruhewagen reservieren haben lassen und jetzt vollkommen durchdrehen. Also mehr der Typ alternden Grundschullehrerin die fix und fertig von den Kids jedes zweite Wochenende aus Berlin flieht, um ihre Verwandten zu tyrannisieren. Der Ruhewagen übrigens, von dessen Existenz er nichts wusste bis ein wütenden Frau bei einer anderen Fahrt ihn aufforderte sofort sein Telefonat zu Beenden, obwohl er den Platz doch nur per Reservierung zugeteilt bekommen hatte, ist mit einem kleinen Piktogramm versehen, einem Männchen, dass seine Finger an die Lippen legt. Wer jetzt denkt, dass dies der Ort ist den man aufsuchen sollte um endlich eine ruhige Fahrt zu haben, der hat sich geschnitten. Standart ist eher eine sechzehnköpfige Familie, die mit Usama Bin Laden verwandt sein könnte und das ganze Abteil in Atem halten. Ich meine wer verteilt denn so die Plätze? Eigentlich sollte es ein Familienabteil geben, meinetwegen mit Ballbecken und jeder der seine kleinen Plagen mal für zwei Stunden glücklich machen möchte, vielleicht selber mit dem Sitznachbarn Keksrezepte austauschen mag, der sagt: „Ich möchte gerne im Familienabteil sitzen, meine Kinder im Ballbecken versenken und Keksrezepte austauschen“, woraufhin man seiner Gesinnung nach einen Platz dort erhält. Aber nein „Großraum, Fenster oder Gang?“, ist Standard (immerhin). Der verweiß, dass man nur noch im Ruhewagen sitzen kann und sich dort gewissen Regeln unterwerfen muss, bleibt aus. Die logische Konsequenz daraus ist, dass bei den Naiven an ruhe glaubenden die Nerven doppelt und dreifach blank liegen und sie sich aggressiv denen gegenüber verhalten, die eigentlich auch nur in frieden gelassen werden wollen. So viel zum kleinen Männchen.

Die Rückfahrt von Sir Peter nach Sylvester war dann übrigens noch das Sahnehäubchen. Der Zug kam pünktlich auf einem friedvollen Bahnhof in Franken an. Er war eigentlich guter Dinge. Sir Peter hatte über die Tage mit seinem Bruder mehrere Flaschen Champagner getrunken, die ihn in eine unbekannte Laune entführten. Sie sind abends durch den Wald ins Nachbardorf gelaufen um dort Essen zu gehen, er hatte viel mit seinen Neffen rumgebalgt und sich so richtig erholt. Die ganze Landschaft war weiß überzogen. Kurz es lag eine Ruhe und Schönheit in jenen Tagen, die ihm kein Mehdorn dieser Welt verderben konnte. Er blickte auf seine Reservierung: Wagen 18, Platz 27. Der Zug fuhr ein. Die Wagennummern huschten an ihm vorbei: 15, 16, 17,19….19? Der wagen 18 war nicht da. Der Zug war voll. Eine dickliche Schaffnerin teilte ihm mit, dass Wagen 18 aufgrund eines Fäkalschadens herausgenommen werden musste. Ein bitte sehr was? Ist da jetzt jemanden die Toilette ins Gesicht explodiert oder was? Der böse Traum begann von neuem. Mit den Worten: „Ich genieße mein Leben in vollen Zügen“, entzog sich die Schaffnerin jeglicher Verantwortung Sir Peter eine Lösung anzubieten und entschwand in den tiefen, dunklen Gängen des fahrenden Seelenklauers. Er meinte die Schreie von ein paar verzweifelten zu hören. Im Bistro, der Geheimtipp der neunziger für freie Sitzplätze, war ein kettenrauchender bayrischer Gesangsverein, der mehr qualm produzierte als der Adler als er von Fürth nach Nürnberg fuhr (oder andersrum, ist aber auch wurscht). Dazu kam, dass sie alle direkt an den Zapfhahn der Schenkanlage angeschlossen waren. Klassenfahrtatmosphäre mit Erwachsenen. Man brüllte quer durch den Wagen, damit ja nicht irgendein Sepp oder Louis für nur eine Sekunde etwas alleine für sich Denken oder Sehen muss. Vom Prinzip her alles einsame Seelen die in einem gemeinsamen Rausch zum Kollektiv werden. So ähnlich wie die Borg: „Wir sind die Borg aus Oberbayern, jeder Widerstand ist zwecklos“, dachte er sich. Also hoffte er auf einen kalten zugigen Platz im Gang, so einer wo ihm permanent Samsonite Koffer gegen sein Knie gehauen werden und kleine Kinder vor ihm stehen bleiben, um ihm dann ihtr Spielzeug an dem Kopf zu werfen. Während er da so auf seiner Tasche hockte und ihm bei jedem Öffnen der nahe gelegen Toilettentür unbeschreiblich Düfte um die Nase wehten dachte er darüber nach ob ich jetzt Glück gehabt habe oder nicht. Schließlich hätte er ja auch in Wagen 18 auf das Klo gehen und in eine Fontäne von unaussprechlichen Dingen geraten können. Dann hätte er es seinem Urgroßvater gleich getan.